Identität und Raum

Text publiziert im Metron-Themenheft Nr. 26: Hier treffen sich alle. Der öffentliche Raum in der Agglomeration

| Jonas Bubenhofer |

Der Raum an sich hat keine Identität – die Menschen geben ihm eine Identität. Der öffentliche Raum ist dabei zentral, weil er durch Angebote, Aufenthaltsqualität und Erlebnisse den Prozess der Aneignung unterstützt und Interaktionen mit anderen Menschen ermöglicht. Mangelt es an funktionierenden öffentlichen Räumen, so fehlt der betreffenden Gemeinde ein wichtiger gesellschaftlicher Erfahrungs-, Experimentier- und Expressionsraum.

Wie entsteht Identität?
Wir sprechen oft von der Identität eines Raumes oder eines Ortes. Wir empfinden einen Raum als anregend, schön, geschichtsträchtig, lebendig oder langweilig, trostlos, abweisend, ja tot. Wir spüren den Aufbruch eines Ortes, die Lähmung oder Verschlafenheit, die Geschäftigkeit. Doch was ist diese Identität eines Raumes oder eines Ortes, von der wir sprechen?
Mit Identität verbinden wir die Atmosphäre, die ein Raum verströmt und die uns erfasst, wenn wir den Raum betreten. Die Stimmung, die der Ort ausstrahlt, gibt diesem eine Identität. Oder wir spüren die Geschichte eines Ortes. Je geschichtsträchtiger ein Ort, je mehr ein Raum mit Traditionen geladen ist, desto mehr spüren wir die Identität eines Raumes. Doch letztendlich handelt es sich bei der Identität eines Ortes immer um subjektive Bedeutungszuschreibungen und Wertungen. Nicht der Raum an sich hat eine Bedeutung. Ich gebe einem Raum Bedeutung für mich. Ich empfinde einen Raum als positiv/angenehm, negativ/abstossend oder gleichgültig/nichts sagend. Im besten Fall wird ein Raum für mich wichtig in meiner Lebenswelt, und ich identifiziere mich mit dem Ort. Das heisst nun aber nicht, dass ich diese Bedeutungszuschreibung und Wertung allein im stillen Kämmerlein mache. Der Mensch ist ein soziales Wesen und in die Gesellschaft eingebunden. Deshalb unterliegen auch diese Bedeutungszuschreibungen äusseren Einflüssen durch andere Personen und die (mediale) Öffentlichkeit, so dass die eigenen Wertungen mit den anderen abgeglichen oder aber diesen explizit entgegengesetzt werden. Diese Intersubjektivierung der Bedeutungszuschreibungen kann sich soweit verdichten, dass ein kollektives Gedächtnis aktiviert wird und sich langfristig zu einer Identität verstetigt.

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Abb. 1: Identität als subjektive Bedeutungszuschreibung

Wenn sich also Identität in der Bedeutung eines Raumes bzw. eines Ortes für die Menschen zeigt, dann ergeben sich daraus folgende Punkte, die für das Verständnis von Identität und für mögliche Massnahmen im Bezug auf Identität von Bedeutung sind:

Unterschiedliche Bedeutungszuschreibungen
Bedeutungszuschreibungen fallen unterschiedlich aus. Derselbe Raum kann von verschiedenen Personen unterschiedlich wahrgenommen und bewertet werden. Dies zeigt sich in der Praxis vor allem bei der Problematik der Innen- gegenüber der Aussensicht. Schwamendingen, in der Aussensicht der Inbegriff eines langweiligen, kleinbürgerlichen und verkehrsbelasteten Vororts oder sogar Ghettos, wird in der Innensicht mehrheitlich als durchgrünte Wohnstadt mit attraktiven Naherholungsräumen, teilweise fast dörflich anmutendem Vereinsleben und guter Anbindung zur Stadt geschätzt. Oft führen unterschiedliche Werte und Vorstellungen von der Attraktivität eines Ortes zu sehr unterschiedlichen Bedeutungszuschreibungen. Diese finden sich nicht nur in örtlicher Perspektive, sondern auch zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Hier trifft es im Besonderen die Jugendlichen. Ihre Räume sind für sie von hoher Bedeutung und geben dem Ort für ihr Empfinden seine Identität, werden von den Erwachsenen aber oft als bedeutungslose Räume, als Unorte oder sogar Angsträume bewertet und können deshalb stark unter Druck geraten: die Räume werden aufgewertet, die Jugendlichen verdrängt.

Der Einfluss von Gestaltung und Nutzung auf seine Identität
Wenn sich die Identität in der Bedeutung eines Raumes für die Menschen zeigt, dann liegt der Hauptfokus auf dem sozialen Raum, auf den Nutzungen und den Bedeutungszuschreibungen durch die Menschen. Dies bedeutet nun aber nicht, dass der physische Raum, die Gestalt eines Ortes keinen Einfluss auf die Identität hätte. Die Gestalt eines Raums kann einen enormen Einfluss auf das Verhalten, auf die Nutzung des Raumes durch die Menschen haben. Aber dieser Einfluss erfolgt über die (unterschiedlichen) Wahrnehmungen der Personen, die sich in diesem Raum aufhalten. Und die Identität verändert sich auch mit der Veränderung der Gesellschaft. Ein Raum an sich hat keine Identität – die Menschen geben ihm eine Identität. Und zwei identisch gebaute Orte werden kaum dieselbe Identität entwickeln. Dieser feine Unterschied ist aber von grosser Wichtigkeit für Massnahmen zur Stärkung der Identität oder auch für die Gestaltung öffentlicher Räume, und darüber hinaus zeigt er die Unabdingbarkeit partizipativer Verfahren in der Planung. Ohne Auseinandersetzung mit den Bewohnerinnen und Bewohnern – also ohne Partizipation – steigt das Risiko, dass der geplante Raum für die Bevölkerung bedeutungslos bleibt.

Die Tradierung einer Identität
Identitäten können äusserst resistent gegen Veränderungen sein. Wenn sich Bedeutungszuschreibungen durch Intersubjektivierung verdichten und langfristig zu einer Identität verstetigen, dann reproduziert sich diese Identität durch die ständige Aktualisierung der Bedeutungszuschreibungen quasi selber. Eine solche Tradierung einer Identität hat allerdings zwei Seiten. Eine negative Identität – oder auch Ruf / Image – eines Ortes lässt sich auch nur langfristig beeinflussen und positiv verändern. Auch bei neu entstandenen Räumen besteht die Gefahr, dass sich vor allem medial gespiesene Identitäten äusserst hartnäckig in den Köpfen festsetzen, ohne dass diese durch Bedeutungszuschreibungen der Personen, die sich am Ort aufhalten und mit ihm auseinandersetzen, kurzfristig verändert würden. Neu-Oerlikon war schnell als «Retortenstadt» ohne Identität verschrien – inzwischen setzt sich das Bild der Bewohnerinnen und Bewohner durch, die stolz auf ihr Quartier sind. Andererseits ist genau diese Beständigkeit der Identitäten die Qualität, die für die Wahrnehmung eines Ortes so wichtig ist. Räume oder Orte mit einer starken Identität geben viele Anknüpfungspunkte für weitere Bedeutungszuschreibungen und ermöglichen den Menschen, sich selber zu verorten.

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Abb. 2: Modell der Bedeutungszuschreibung bzw. Identifikation: auf der gebauten physischen Struktur eines Ortes interagieren die Nutzungen (Handlungen) mit den subjektiven Wertungen und der intersubjektiven Kommunikation darüber.

Identität
Der öffentliche Raum spielt für die Ausbildung der Identität oder mehrerer Identitäten eine zentrale Rolle. Denn wenn Identität mittels Bedeutungszuschreibung durch die Menschen entsteht, dann stellt sich die Frage, wie ein Raum für eine Person bedeutsam wird. Die Antwort ist nahe liegend: indem sich die Person mit dem Ort auseinandersetzt, sich diesen aneignet, nutzt und mit Bedeutung füllt. Im besten Fall wird dieser Ort für die Person zum wichtigen Alltagsraum. Der öffentliche Raum ist für diesen Prozess prädestiniert und erfüllt zudem wichtige gesellschaftliche Funktionen:

  • Öffentlicher Raum ermöglicht Interaktionen und Handlungen und erhöht damit die Chance, dass der Ort für viele Menschen Bedeutung und damit eine Identität erlangt.
  • Ein guter öffentlicher Raum unterstützt den Prozess der Aneignung durch das Angebot an Nutzungen und Infrastruktur, durch Aufenthaltsqualität und Erlebnisse und durch Interaktionsmöglichkeiten mit anderen Personen.
  • Mangelt es an funktionierenden öffentlichen Räumen, so fehlt dem Ort ein wichtiger Teil der Öffentlichkeit als Erfahrungs-, Experimentier- und Expressionsraum der Gesellschaft, der durch andere Räume übernommen werden muss. Damit wird die Entwicklung einer gemeinsamen Identität erschwert.

Viele Orte setzen auf markante Gebäude, um für sich selber einen Identifikationspunkt zu produzieren, der zum Wahrzeichen des Ortes werden soll. Ein Wahrzeichen aber macht noch lange keine Identität, wenn das entsprechende Gebäude nicht durch die Nutzungen und den öffentlichen Raum rundherum für die lokale Bevölkerung von Bedeutung wird. Gelingt diese Verbindung nicht, dann ist das Gebäude nur Leuchtturm für den Ort – für das Image des Ortes in der Aussensicht – mit nur kleinem Beitrag für die Identität in der Innensicht.

Warum ist Identität wichtig?
Aber warum ist die Ausbildung einer Identität überhaupt wichtig? Leben wir nicht im Stadtland Schweiz, wo sich unsere Lebenswelt über zig Kilometer zwischen Wohnen, Arbeiten, Einkaufen und Freizeit aufspannt? Beziehen sich unsere Identitäten überhaupt noch auf lokale Räume?
Vielleicht kann man von einer Verschiebung der Verortung der Menschen von (physischen) Räumen hin zu z.B. Beziehungen, Lebensstilen oder virtuellen Räumen sprechen, wodurch physische Räume letztendlich austauschbar werden. Doch die persönliche Verortung geschieht individuell sehr unterschiedlich und verändert sich über die Lebensphasen. Der räumliche Bezug wird wichtig bleiben im Leben der Menschen: als Orientierungspunkt. Dazu braucht es Räume und Orte, die für die Menschen eine Bedeutung haben und damit Anknüpfungspunkte für die eigene Verortung anbieten.

Solche Räume anzubieten liegt im Interesse einer Gemeinde, weil damit die Bindung zu ihr gestärkt und somit das Verantwortungsbewusstsein und die Akzeptanz, politische Entscheide mitzutragen, erhöht werden. Es liegt in der Kompetenz der Gemeinden, sich zu bemühen, in Konkurrenz zu den weiteren Orten, die für eine Bewohnerin oder einen Bewohner Bedeutung haben, solche hochwertigen Räume zu schaffen.

Handlungsbedarf in Agglomerationsgemeinden
Vor allem Gemeinden, die stark auf ein Agglomerationszentrum ausgerichtet sind, laufen Gefahr, ihre Bedeutung für die Bewohnerinnen und Bewohner und damit auch einen Teil ihrer Identität zu verlieren. Die Schaffung hochwertiger öffentlicher Räume ist ein Hebel für die Gemeinden, um diesem Bedeutungsverlust entgegenzutreten. Es ist nicht das Ziel, die Leute davon abzuhalten, sich ausserhalb ‹ihrer› Gemeinde aufzuhalten. Doch Schlafgemeinden, in denen nur die eigenen vier Wände von Bedeutung sind, werden tendenziell mit oben beschriebenen Problemen kämpfen.

In vielen Gemeinden übernimmt grossenteils die Natur bzw. die Umgebung die Identität bildende Funktion des öffentlichen Raums. Doch um der Funktion des öffentlichen Raums gerecht zu werden, muss auch den Räumen innerhalb des Siedlungsgebiets Beachtung geschenkt werden. Herauszufinden, welche Art öffentlicher Raum oder Freiraum in einer bestimmten Gemeinde von der Siedlungs- und Nutzungsstruktur her überhaupt möglich und angemessen ist, ist ein planerischer Prozess, der von Fachpersonen unter Einbezug der Bewohnerinnen und Bewohner erarbeitet werden muss.

Für die Gestaltung öffentlicher Räume, die möglichst vielen Personen unterschiedliche Bedeutungszuschreibungen ermöglichen sollen, ist es wichtig, dass sie gut in die Siedlungsstruktur eingebunden und bezüglich der Nutzungsmöglichkeiten nicht zu stark vordefiniert sind. Es geht also nicht darum, den öffentlichen Raum möglichst umfassend zu definieren und zu gestalten. Vielmehr soll die Gestaltung Freiraum schaffen, in dem sich die verschiedensten Bedürfnisse befriedigen lassen. So entstehen Räume, die sich die Bevölkerung aneignet und mit eigenen Bedeutungen füllt, und deren Identität dadurch spürbar wird. Wenn dies gelingt, existieren auch keine bedeutungslosen öffentlichen Räume in den Agglomerationsgemeinden mehr.

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Eine angepasste Variante dieses Textes ist in POLIS – Magazin für politische Bildung (Nr. 9, Alles Agglo?) erschienen:

Bubenhofer, Jonas (2016): Der Ort und ich. In: POLIS. Das Magazin für Politische Bildung, Nr. 9/2016, Alles Agglo? Politische Perspektiven auf den Raum zwischen Stadt und Land, S. 23-25.